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Narziss und Schmollmund: “so was von gewalttätig”

with one comment

Thilo Sarrazin ist SPD-Mitglied, Ex-Finanzsenator Berlins und derzeit Bundesbanker. Die Bundesbank hat bei Vertragsabschluss einen diskreten Lebenswandel von ihm erwartet – jedenfalls lässt ihre Reaktion auf ein  Interview Sarrazins mit “Lettre International” im vorigen Jahr das vermuten – ein Interview, in dem der Mann erklärte, er müsse niemanden anerkennen, “der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert” .

burqas needn't be boring

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Dass Sarrazins Ausführungen seinem jetzigen Posten nicht angemessen sind, mag durchaus sein. Dass er sich persönlich mit der oben zitierten Wortwahl diskreditiert, glaube ich selbst. Provokation kann zielführend sein – aber in diesem Fall drängt sich der Eindruck auf, dass vor einem Jahr ein – soeben erschienenes – Buch schon einmal vorab interessant gemacht werden sollte. Jedenfalls steht es auch Türken, deren Töchter kein Kopftuch tragen, allemal frei, sich gekränkt zu fühlen. Zumal dann, wenn sie Gemüsehändler sind (was ist eigentlich an dem Beruf so ehrenrührig?).

Man wird den Eindruck nicht los, dass Sarrazin sein Publikum nicht überzeugen, sondern im Buchhandel abmelken will – und dass er es gründlich verachtet. Manche von denen, die den Narzissten heute für seine “klaren Worte” lieben, haben ihn vor gar nicht langer Zeit  gehasst, als er ihnen vorrechnete, wie ein Hartz-IV-Empfänger für weniger als vier Euro am Tag in der Küche prima zaubern könne.

Jetzt “verdummen” wir also “auf natürlichem Wege”: durch Einwanderung aus der Türkei und dem Nahen Osten, in irgendeinem Zusammenhang. Vielleicht ist das rassistisch – wenn es bedeuten soll, dass die Einwanderer natürlicherweise dumm seien.
So scheint Sigmar Gabriel, Vorsitzender seiner und Sarrazins SPD und ihr oberster Schmollmund, das auch aufzufassen. Grundsätzlich wolle er sich mit Sarrazins Thesen zur Einwanderung ja “intellektuell” auseinandersetzen, sagt Gabriel. Aber sie seien teilweise “sprachlich so was von gewalttätig”, dass eine Auseinandersetzung schwer in Frage komme.

Das ist Quatsch. Wenn das rechtlich geht und sich in den entsprechenden Gremien oder Verbänden hinreichende Mehrheiten dafür finden, kann die SPD den Genossen Thilo natürlich rauswerfen. Aber sie soll nicht glauben, dass sie damit um eine Auseinandersetzung mit ihm herumkäme. Ein Großteil der Wählerinnen und Wähler erwartet eine solche Auseinandersetzung – nach Abzug jeder Menge sarrazinscher Effekthascherei, Pauschalbeleidigung und persönlicher Eitelkeit bleibt nämlich immer noch genug kritische Substanz übrig, über die gesprochen werden muss, um zu einer brauchbaren Beurteilung der deutschen Einwanderungs- und Integrationspolitik zu kommen – und insofern sind Sarrazins Provokationen, über deren Appetitlichkeit sich streiten lässt – ein Angebot. Das Buch muss sich deswegen keiner kaufen.

Und dann beginnt überhaupt erst die Arbeit. Aus der Beurteilung muss man ja auch praktische Schlüsse ziehen. Welcher Mitarbeiter eines Sozialamts oder einer BAGIS soll bestimmten Zeitgenossen – mit oder auch ohne Migrationshintergrund – die Leistungskürzungen präsentieren, die Sarrazin als Antwort auf Arbeits- oder Bildungsverweigerung vorschweben? Sarrazin hat – vermutlich und hoffentlich – Personenschutz. Der Sozialamtsmitarbeiter oder -leiter leider nicht. Und im Gegensatz zu Sarrazin wohnt er möglicherweise auch noch in der selben Nachbarschaft wie sein gemaßregelter Klient.

Man mag argumentieren, dass es zum Job eines Amtsmitarbeiters gehört, das auszuhalten. Aber in manchen Stadtteilen wird der Job dann allenfalls noch Bewerber finden, die nicht wissen, was sie tun.

Auch solche Probleme sind grundsätzlich – höchst wahrscheinlich – lösbar. Das Dumme ist nur, dass die meisten Debatten, auch Sarrazins, genau da enden, wo es konkret wird.

Zur Not mit einem Parteiausschluss.

Stand der Debatte: 27.08.2010

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One Response

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  1. […] The following is a translation of a post by Tai De, written last Monday. […]


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